Montag, 30. Mai 2016

Störende Werbung

Letzten Samstag stellte „semikolon“ auf dem Blog von EvoChris folgende Frage:

Mich würde interessieren: wer von Euch würde sich denn _nicht_ gestört fühlen von einer omnipräsenten Werbe-Plakatierung für Pay-Sex, so sehr junge Männer als Beispiel für das zu konsumierende Gut abgebildet wären eben mit dem Vermerk, das ständig „100 boys“ zur Auswahl stünden?
Wer – außer Adrian – fände das nicht bloß ok, sondern vielleicht sogar geradezu unterstützenswert, für das Empowerment der Jungs z.B.?“

Die Frage richtete sich in erster Linie an Männer und sollte unterstellen, dass eine Frau sich heutzutage durch entsprechende Werbeanzeigen gestört fühlt. Ich würde gerne zu der ursprünglichen/aktuellen Situation zurückkehren, in der nun mal keine „100 Boys“ auf Plakaten abgebildet sind, sondern in erster Linie weibliche Personen.

Die Frage ist also, kann man diese Werbung ok finden oder vielleicht sogar unterstützenswert für das „Empowerment“ wie im letzten Satz suggeriert wird?

In der Diskussion bekräftigt die Fragenstellerin ihre Frage bzw. Meinung noch durch folgende Aussage:

„Mir erscheint das wirklich wie eine Kriegserklärung, mit der da die halbe Republik zugepflastert wird!

Freier könnten einen Anteil an der männlichen Population von vielleicht 16 %, jedenfalls unter 20 %, haben (regelmäßig „Praktizierende“ werden noch seltener sein). So viel kleiner ist die Minderheit der Schwulen und Bi-Männer sicher auch nicht.

Warum findet man nirgendwo groß-beworbene Bordelle, in denen permanent „100 boys“ auf Kundschaft warten?

Wenigstens ein schwules „Teenieland“ müsste es bei uns doch geben, nich?

Aber nein, DIE Form der Prostitution muss dann wieder dezent, kaum wahrnehmbar ablaufen, und die heuchlerischsten der Maskus tun dann sogar noch so, als wäre Sexwork für gerade volljährige, überwiegend nicht-deutschstämmige junge Männer etwas Schreckliches, vor dem man sie bewahren müsste…“

Als Entgegnung gegenüber einem User, der anführt, für eine solche Werbung mit männlichen Personen gäbe es gar keinen Markt. Hier möchte ich Semikolon im Übrigen widersprechen, was ihre geschätzten Zahlen angehen: Zwar vermute ich auch, dass die wenigsten Männer regelmäßig Pay-Sex in Anspruch nehmen, aber die Zahl wird vermutlich um einiges höher liegen als bei unter 20% der Männer, wenn man alle Männer miteinbezieht, die irgendwann mal Pay-Sex genossen haben.
Außerdem ist ihr Argument in sich unlogisch, da sie die Menge aller Schwulen und Bi-Männer gegenüber den Männern, die weibliche Prostituierte besuchen stellt. Man müsste allerdings wiederum davon ausgehen, dass aus der gesamten Menge der Schwulen und Bi-Männer nur ein entsprechend kleiner Teil Pay-Sex in Anspruch nimmt. (Vermutlich ähnlich klein oder groß, wie bei den heterosexuellen Männern). Aus dieser Überlegung ergibt sich zwangsläufig, dass die entsprechende Zielgruppe vermutlich verschwindend gering ist.

Ein anderer Kommentator geht die Frage ziemlich sachlich an, indem er klar macht, dass auch er sich von Plakaten gestört fühlt, die Personen zeigen, die nun einmal besser ankommen als er selbst:

„Ich jedenfalls würde mich von einer solchen Plakatierung gestört fühlen. Aktuell fühle ich mich gestört von Plakaten, auf denen George Clooney abgebildet ist, oder Brad Pitt, oder irgendwelche anderen attraktiven Männer (z. B. James Dean). Ich fühle mich auch gestört von Plakaten, auf denen irgendwelche tollen Sportler abgebildet sind: die können schneller rennen oder schneller schwimmen als ich. Ich fühle mich sogar gestört von Plakaten mit Albert Einstein: der war klüger als ich.“

Für ihn ergibt sich daraus aber nicht etwa die Forderung nach einem Verbot von Plakaten mit klugen oder gutaussehenden Menschen, sondern viel mehr:

„Etwas Analoges gilt, wenn die Plakatierung etwa dazu führen sollte, daß Frauen mich nunmehr als Call-Boy oder Toy-Boy behandeln. Wer sagt eigentlich, daß ich so etwas nicht als schmeichelhaft empfinden würde? Aber nehmen wir der Einfachheit halber an, auch diese Behandlung würde mich stören (wie so ziemlich alles auf dieser Welt). Natürlich würde ich moralische Bedenken geltend machen. Aber es klar, daß die Frauen sich einerseits nicht auf die Plakatierung berufen können, um ihr zweifelhaftes Verhalten zu rechtfertigen, daß andererseits die Plakatierung sicher nicht notwendig zur Folge hat, daß Frauen mich nunmehr als Call-Boy oder Toy-Boy behandeln. Verantwortlich sind in diesem Fall eindeutig die Frauen.“

Und mit dieser Argumentation hat er meiner Meinung nach den Nagel auf den Kopf getroffen: Als handelnde Person kann ich nicht irgendeine plakative Werbung für mein schlechtes Benehmen verantwortlich machen. Wenn nun alle auf einmal der Meinung sind, eine solche Plakatierung verändere das Frauenbild der Männer zum negativen, was dann wiederum dazu führt, dass diese Frauen als verfügbares Objekt wahrnehmen, welches man einfach nehmen kann wie einem beliebt, schiebt man hier die Verantwortung weg von dem evtl. übergriffigem Mann hin zu Werbetreibenden, die mit der eigentlichen Tat  nichts zu tun haben. Die Folge könnte überspitzt dann natürlich sein, dass versucht wird mit der entsprechenden Begründung Belästigungen und Übergriffe zu entschuldigen. Und das fände ich dann wirklich mal störend!

Mich persönlich stören weder Plakate für Pay-Sex, noch empfinde ich sie als Empowerment. Ich finde es in Ordnung. In den wenigsten Gegenden werden auf den Plakaten tatsächlich übermäßig viel nackte Haut zu sehen sein – nackte Brüste werden ja immer mehr aus der Öffentlichkeit verbannt (selbst stillende Frauen werden auf einmal sexualisert) – außer vielleicht in speziellen Vierteln wie St. Pauli o.ä. .

Warum genau sollte mich eine solche Werbung nun stören. Ein Argument habe ich hier bereits zitiert: Die Frau auf dem Plakat könnte hübscher und jünger sein und daher besser bei Männern ankommen als ich vielleicht. Meiner Meinung nach hat man ein Problem mit sich selbst oder seinem Selbstbewusstsein, wenn das einen tatsächlich so sehr stört, dass man etwas dagegen unternehmen möchte. Ich persönlich beziehe meinen Wert nicht daraus, wie sexy irgendwelche Männer mich finden. Vielleicht ist die Frau auf dem Plakat hübscher, aber ich habe dafür eben andere Eigenschaften, die mir mehr bedeuten. Ich lege zum Beispiel eben mehr Wert auf Bildung als auf Sexyness und mir geht es gut damit. Also warum sollte ich eine hübsche junge Frau auf dem Plakat als Konkurrenz betrachten? Ich meine das völlig ernst: Dieses Argument leuchtet mir zwar aufgrund innerlichem logischen Aufbau durchaus ein, ist aber nicht ernsthaft nachvollziehbar für mich.

Ein weiteres Argument in der Diskussion: DIE KINDER !‼
Bei allem, das im entferntesten mit Sex zu tun hat, immer ein beliebtes Argument. Kinder sollten also die Werbung für Pay-Sex nicht sehen sonst… ja was eigentlich? Ich denke, hier muss man das Alter des Kindes berücksichtigen: Kinder im Alter von bis zu 8-9 Jahren können nicht wirklich lesen und werden vermutlich nur die Bilder schauen. Für diese Kinder macht es also meist keinen Unterschied, ob hier für ein Bordell, oder Unterwäsche geworben wird. Kinder verstehen in dem Alter also gar nicht die Tragweite der Werbung. Daher sehe ich für die Kinder in dem Alter und jünger überhaupt keine Gefahr in entsprechenden Werbeanzeigen. Ab ca. 10 Jahren können die Kinder auch Lesen und verstehen, worum es sich handelt und vielleicht bei den Eltern nachfragen. Als Eltern wäre das auch ein möglicher Einstieg für ein Aufklärungsgespräch, in dem man eben auch ansprechen kann, dass es so etwas wie Pay-Sex gibt, man das aber nicht gut findet und man normalerweise Sex hat, wenn man sich liebt. Was genau wäre das Problem hier? Auch das verstehe ich nicht! Möchte man Kinder ein Leben lang bzw. bis sie 18 sind vor allem in der Welt abschirmen, dass man selbst als schlecht erachtet? Ich denke, es wäre besser, Kinder auf die Welt vorzubereiten, statt alles Schlechte vor ihnen zu verstecken.

Für mich ist es nicht verständlich wie man sich ernsthaft an solcher Werbung stören kann. Auf den Plakaten werden schließlich keine sexuellen Handlungen o.ä. gezeigt. Falls jemand noch andere Argument als die hier genannten hat, gerne in die Kommentare!

 

 

 

Donnerstag, 26. Mai 2016

Rafael Santeria: Vom omnipotenten Frauenhasser zum Frauenrechtler?

In einem Artikel auf Vice wird über die überraschende Wandlung des als "Hatefucker" bekannten Pornoproduzent und -darsteller berichtet.
Noch bis vor kurzem war Rafael Santeria dafür bekannt, dass er sich offen frauenfeindlich äußerte und in seinen speziellen Pornos geht es meist mehr als hart zur Sache. Obwohl einige Elemente des BDSM darin enthalten sind, zählen sie nicht in dieses Genre, sondern zu dem eigens kreierten namens "hatefuck".  Diese Bezeichnung steht dafür, dass hier wohl Wut und Hass an den weiblichen Darstellern rausgelassen wird. Es gibt feste Griffe, Beleidigungen und manchmal auch Schläge oder es wird auf das "Opfer" uriniert. Anders als bei den BDSM Filmen von zum Beispiel kink.com, wird hier nicht die Einvernehmlichkeit betont.
Dieser Mann also, einer der Hauptakteure solcher Filme,  soll nun plötzlich brav geworden sein?

Zum Umdenken bewegt haben ihn laut Vice Dinge innerhalb der Szene, die wohl nicht nur gespielten Missbrauch beinhalteten.Es wurde laut Aussage von Santeria in gewissen Kreisen mit Geschichten von Missbrauch sogar angegeben.  Einmal soll er auch dazu aufgefordert worden sein, jemanden seine Freundin zum Sex zu überlassen, was er dann aber nicht tat - worauf sich das Geschaftsverhaltnis mit besagter Person kippte.

Noch vor einem Jahr kamen ganz andere Töne von ihm. Er kommunizierte bewusst ein frauenfeindliches "Badboy -Image" nach außen. Den harten Typ, der alle Weiber fickt und den es nicht interessiert, was diese oder andere Frauen davon halten!
Nach meinem persönlichen Eindruck habe ich schon damals gedacht, dass das ganze Image mehr PR als alles andere ist. Ein bisschen Show gehört eben dazu. So wie bei manchen Rockstars, die auf der Bühne den harten geben, aber Zuhause liebevoll dir Familie umsorgen.

Auf Vice kommt nun auch Traumatherapeutin Tabea Freitag zu Wort, die nach meiner Auffassung allerdings ziemlich allgemein Porno und sexuelle Handlungen außerhalb der Norm kritisiert:

„Eine Grenze zu ziehen zwischen nicht ganz freiwilligem ‚gespieltem' Missbrauch und ‚tatsächlichem' Missbrauch würde jede Form des sexuellen Missbrauchs verharmlosen und jede Prävention von sexuellem Missbrauch ad absurdum führen."

Die Frage für mich ist hier, was versteht die liebe Dame genau unter "gespieltem Missbrauch"?
Aus Sicht so mancher Therapeuten oder Pornogegner zählen jegliche BDSM Praktiken in den Bereich. Die Aussage ist  mir einfach zu generalisierend.
Ich möchte natürlich in keiner Weise Missbrauch verharmlosen oder kleinreden. Aber meiner Meinung nach wird genau das getan, wenn nicht mehr unterschieden wird, ob jemand etwas freiwillig macht oder eben nicht freiwillig (wozu ich auch den Einsatz jeglicher Drogen zähle).

Santeria bekam immer mehr Dinge mit, die sich abspielten. Und als Teil dieser Szene war es natürlich auch so, dass er selbst nicht immer unbeteiligt war, so dass er Ende letztes Jahr schließlich zu dem Schluss kommt:

"Ich wollte nicht mehr, ich fand mich selbst eklig."

Daraufhin löscht er seine frauenfeindlichen Posts und YouTube-Videos. Versucht ebenfalls seine Hatefuck-Homepage von Netz zu nehmen, allerdings ohne Erfolg, da die Rechte am dieser nicht mehr bei ihm liegen.

Leider ist für mich jetzt im Nachhinein nicht mehr ganz nachvollziehbar, in welchem Umfang tatsächlich Frauenhass verbreitet wurde.
Es gibt einen Artikel mit Interview auf Vice vom Juni letzten Jahrs, in dessen Einleitung noch mal die Art der Filme sehr brutal beschrieben wird:

"Der Sexualakt an sich ist lieblos, stellenweise sogar brutal inszeniert. Die Darstellerinnen wirken hilflos und überfordert, während der „überlegene" Drehpartner ihre Körperöffnungen bis ins Extreme dehnt oder Oralverkehr bis zum Erbrechen praktiziert. Diese systematische Erniedrigung dürfte auch für hartgesottene Pornofans nur schwer zu ertragen sein."

So könnte man auch einen "gewöhnlichen" Porno aus dem BDSM Spektrum beschreiben. Und besonders der letzte Satz stößt mir ein wenig auf. Hier wird der persönliche Eindruck bzw. Geschmack auf andere übertragen und als allgemein bzw. moralisch richtig dargestellt...

Aber weiter im Text:
"Der große Vorteil: Wenn sich irgendwer weigert, dann lasse ich meinen Frust einfach vor der Kamera raus. Hass ist ja eine omnipotente Antwort auf alle Widrigkeiten des Lebens."

Deutet dieses Zitat von Santeria etwa an, dass er sich schon damals bewusst war, dass bei den Dreharbeiten nicht immer alles ganz freiwillig abläuft? Dies wird hier aber von ihm genutzt statt sich daran zu stören.

Eine weitere Aussage, die immer wieder zitiert wird, um seinen Frauenhass zu bestätigen ist die folgende (wobei ich hier mal die auf die meistzitierteste Aussage folgenden Zeilen nicht verschweigen):

"Pack eine Frau und lass das Tier aus dir raus. Du willst ihr schaden? Schade ihr! Du willst sie verletzen? Verletze sie! Du willst sie fertig machen? Mach sie fertig! Du bist ihr ungnädiger Schöpfer und Zerstörer. Ihr Henker, Sklaventreiber, Vergewaltiger, Folterknecht. Das Ganze in einen juristisch adäquaten Rahmen bringen, produktions-, situations- und leicht marktgerecht: Und schon hat man einen Hatefuck-Streifen, der sich verkaufen lässt."

Der letzte Satz hat mich diese Aussage so verstehen lassen, dass es eben nicht darum geht, faktisch jemanden zu verletzen bzw. zu "zerstören", sondern, dass das ganze zum "Spiel" gehört.

Mein Vater hat immer gesagt (wenn im Film beispielsweise jemand gestorben ist und ich dann traurig war als Kind): Das ist nur ein Schauspiel,  die gehen nachher alle zusammen in die Kneipe und trinken einen.
Ich denke, dass ich diese Einstellung auch unbewusst auf Pornos übertrage und für mich daher immer der Eindruck da war: das ist als nur gespielt.
Aber natürlich kann ein Porno einen auch geil machen - genauso wie man bei einem Actionfilm mitfiebern kann.

In dem alten Artikel gibt es tatsächlich auch einige aus meiner Sicht wirklich frauenfeindliche Aussagen, die aber nicht mit so starken Worten spielen wie eben genannte und vermutlich deshalb weniger zitiert werden:

„Frauen brauchen Männer, die sie führen, disziplinieren und erziehen!"

oder auch

"Das zwischenmenschliche Vertrauen, dass bei Männern selbst in der Feindschaft selten verletzt wird, ist das erste, was auf der Strecke bleibt, wenn eine Frau ihre Tage kriegt oder anderweitige Stimmungsschwankungen nicht auspendeln kann. Die Frau meint es nicht böse, sie ist so spontan und willkürlich in ihren Entscheidungen wie ein Pferd."

"Frauen verlangen naturgemäß nach Führung. Egal ob feministische Hardlinerin oder ultradevote Disko-Bitch: Keine Frau dieser Welt möchte ernsthafte Widerworte geben. Unterm Strich lässt sie sich lieber entwürdigen als gar keinen Schutz oder—schlimmer noch—keine Aufmerksamkeit zu genießen."

Alle diese Aussagen scheinen durchaus ernst gemeint und Santeria glaubt zu dem Zeitpunkt wohl auch selbst daran.
Mich würde wirklich interessieren, ob der die gleichen Aussagen heute noch genauso tätigen würde. Ob der Sinneswandel sich nur auf die Pornobranche, aber vielleicht nicht auf die allgemeinen frauenfeindlichen Ansichten bezieht.

Obwohl Vice schreibt "Vom omnipotenten Frauenhasser zum Frauenrechtler..." fände ich tatsächlich ein persönliches Gespräch mit Rafael Santeria unglaublich interessant.
Ich habe mich mit der Person oder auch der Kunstfigur beschäftigt und auch einige seiner YouTube Videos (in denen er sich sehr intelligent und teilweise philosophisch mit den unterschiedlichsten Themen auseinandersetzt) geschaut. Und er wirkt auf mich sehr reflektiert, nachdenklich und authentisch. Eine durchaus faszinierende Persönlichkeit. Das ist auch der Grund für diesen Artikel, meine persönliche Faszination für das Thema.

Falls jemand Belege oder Links zu weiteren - besonders frauenfeindlichen - Aussagen hat, bitte in die Kommentare damit!