Mittwoch, 9. März 2016

Benachteiligung als Arbeiterkind?

Ich bin zufällig über einen älteren Artikel bei der SZ gestolpert, der aber immernoch aktuell ist. Im Artikel "Master mit 1,6 - Leben mit Hartz IV" schreibt die Autorin über ihr Leben mit Hartz IV trotz eines vermeintlich guten Studienabschluss. (Ihren Master hat sie in Germanistik, darüber lässt sich streiten, wie viele Jobchancen man damit hat).
Das Thema, was mir dabei ins Auge stößt, ist nicht, dass sie über die Umstände mit Hartz IV oder darüber schreibt, wie man mit wenig Geld auskommt, sondern, dass sie ihrer Herkunft - sie wuchs in einer Arbeiterfamilie auf - die Schuld gibt.

Zunächst einmal fehlt ihr die Berufserfahrung, was von vielen Stellen, bei denen sie sich beworben hat bemängelt wurde.  Komischerweise schaffen haufenweise Studenten es bereits während des Studiums zum Beispiel als SHK erste Berufserfahrung zu sammeln.  Aber das Problem sind hier die natürlich fehlenden reichen Eltern:

"Branchenbezogene Berufserfahrung während des Studiums ist oft ein Privileg für Studenten, die finanziell von ihren Eltern unterstützt werden, die nicht arbeiten oder auf die Regelstudienzeit achten müssen."

Merkwürdig, ich habe als SHK in einem Forschungsprojekt an der Uni durchaus branchenbezogene Berufserfahrung sammeln können.

Aber das scheint nicht das einzige Problem der Autorin zu sein. Sie ist augenscheinlich der Meinung, als Arbeiterkind könnte man keine Beziehungen oder Netzwerke knüpfen und alle anderen würden nur auf Beziehungen ihrer Eltern zurückgreifen. Diese Einstellung finde ich gerade bei ihr ziemlich merkwürdig. Sie bloggt, leitet Workshops und ist eine der Initiatorinnen der "Aufschrei-Kampagne" auf Twitter.  Schafft es also anscheinend mühelos sich in feministischen Zusammenhängen zu vernetzen bzw. entsprechende Beziehungen aufzubauen. Oder haben hier ihre Eltern bereits irgendeine Vorarbeit geleistet? Im Artikel wird nichts in die Richtung erwähnt, so dass ich nicht davon ausgehe.
Warum ist das also im beruflichen Kontext anscheinend nicht möglich?

Natürlich ist das möglich! Man muss eben seine Energie dafür einsetzen statt für Twitter!  Ja, gerade das berufliche Netzwerken ist nicht einfach, sondern richtig anstrengend und teilweise kräfteraubend. Ein Galadinner beispielsweise ist nicht immer nur Vergnügen, sondern dient häufig dazu, Kontakte zu knüpfen, sich ins Gespräch zu bringen oder Aufträge zu bekommen.
Natürlich muss man dafür bestimmte Konventionen kennen und man sollte sich mühelos in gewissen Kreisen bewegen können. Denn auch einfacher Smalltalk folgt gewissen Regeln.

Und hier folgt gleich das nächste Argument, warum die arme Autorin von Hartz IV leben muss und natürlich nicht selbst verantwortlich ist:

"Um im Berufsleben erfolgreich zu sein, spielen informelle Kriterien eine große Rolle: Wer sich souverän in akademischen Kreisen bewegt, kommt besser an als Menschen, die dort neu sind. Was mir und anderen in ähnlichen Situationen fehlt, ist nicht der Wille - es sind Netzwerke, Wissen über soziale Codes und positive Erfahrungen. Ich habe keine Ahnung, wie andere berufliche Kontakte knüpfen und wie ich mich auf Veranstaltungen verhalten soll, auf denen Leute mit Sektglas in der Hand herumstehen. Wer aus einer nicht akademischen Familie den Weg an die Uni fand, kennt das Gefühl, nicht dazuzugehören."

Wenn man selbst erkennt, was wichtig ist, um beruflich erfolgreich zu sein und auch merkt, dass einem hier Wissen fehlt, warum versucht man dann nicht, sich entsprechendes Wissen anzueignen?
Das ist mit unverständlich!  Aber vielleicht ist es einfacher, es sich  bequem zu machen mit dem Geld vom Staat und den Umständen die Schuld zu geben statt selbst Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen.

Ich bin auch aus einer nicht-akademischen Familie, verfüge über europaweite Beziehungen und Netzwerke und weiß mich auf Veranstaltungen, "auf denen Leute mit Sektglas in der Hand herumstehen", angemessen zu verhalten!
Was habe ich jetzt anders gemacht?
Ich habe mich gebildet, hatte Interesse an unterschiedlichsten Themen, habe verschiedene internationale Veranstaltungen aus meinem Bereich noch während des Studiums besucht, außerdem Kurse wie beispielsweise einen zum Thema Business-Knigge, der an der Uni angeboten wurde.
Und wahrscheinlich war auch ein günstiger Zufall, dass meine Hobbies (Reiten und Segelfliegen) auch eher von Akademikern geteilt wurden und ich so einen Großteil der Zeit eben in einem entsprechenden Umfeld verbracht habe.
Aber alles war meine Entscheidung, meine Verantwortung, meine Wahl. Eltern, die eben keine Akademiker sind, verhindern schließlich nicht den Kontakt mit anderen Menschen.

Jeder Mensch, der also der Meinung ist, er findet keinen Job, weil er nicht aus einem Akademiker Haushalt stammt, sollte einfach mal überlegen, was genau das eigene Problem ist. Und wenn das erkannt wurde (was der Autorin ja sogar gelungen ist),  bitte nicht nur über die Umstände jammern, sondern Verantwortung für das eigene Leben übernehmen und an dem Problemen arbeiten!

Samstag, 5. März 2016

Etikette und gute Manieren nicht mehr zeitgemäß?

Angeregt durch eine Diskussion beim letzten Selbermach Mittwoch auf Alles Evolution, möchte ich hier mal diese Frage stellen. Wenn ich hier Zitate verwende, so sind diese unter dem Link zum Selbermach Mittwoch zu finden.

Insbesondere ging es um das Verhalten bei einem Date zwischen Mann und Frau und gewissen Gesten, die der Mann leistet, um der Frau seine Wertschätzung zu zeigen.
Beispiele dafür können sein:
- der Mann steigt aus und hält der Frau die Autotür auf, wenn er sie abholt.
- der Mann hält der Frau die Tür auf
- der Mann hilft der Frau aus oder in den Mantel
- der Mann rückt der Frau den Stuhl zurecht
- der Mann zahlt die gemeinsame Rechnung
- der Mann bestellt für beide beim Kellner
- ein kleines Geschenk wie Blumen, Pralinen oder eine gute Flasche Wein, wenn man nach Hause eingeladen wurde, mitbringen.

Einige dieser Beispiele kamen bereits in der Diskussion vor, andere nicht. Besonders das Öffnen der Autotür wurde von einer Kommentatorin als "albern" abgetan:

"Wenn der Mann nicht gerade 60+ ist, würde ich mir irgendwie verarscht vorkommen. Ich bin doch nicht die Königin von England und außerdem durchaus in der Lage, diese anspruchsvolle Tätigkeit selbst auszuführen."

Ich finde es tatsächlich erstaunlich, dass sie anscheinend der Meinung ist, ein Mann, der einer Frau die Tür öffnet, traut ihr nicht zu dies selbst zu tun. Dieser Meinung wurde glücklicherweise breit widersprochen: keiner scheint eine Frau für zu dämlich zu halten, die Tür zu öffnen).

Außerdem gibt es durchaus auch dafür praktische Gründe: ein langes Kleid, dass beim Einsteigen hochgehalten werden muss, um nicht verdreckt oder beschädigt zu werden zum Beispiel. Wobei dies heutzutage tatsächlich nicht mehr so verbreitet zu sein scheint.
Was mich aber wundert, die selbe Kommentatorin besteht darauf, im Restaurant gesiezt zu werden.
Und das, obwohl mittlerweile allgemein bekannt ist, dass es in einigen Gastronomiebetrieben zur Gestaltung des Images gehört, die Gäste zu duzen, um so eine nähere und vertraute Beziehung zu simulieren.
Ob ich gesiezt werden möchte oder nicht, mache ich daher auch immer von der Art der Gastronomie abhängig. Mal empfinde ich es als angemessen und mal eben nicht.

Hingegen ist der Punkt, dass der Mann die gemeinsame Rechnung zahlt durchaus üblich. Ich muss sagen, dass ich schon einige Dates hatte und es ist bisher erst einmal vorgekommen, dass beim ersten Date getrennt gezahlt wurde.
Ich würde das auch so empfinden, dass derjenige zeigt, er hat kein Interesse an einem weiteren Kontakt und das wäre sicher das letzte Date.
Dabei geht es mir tatsächlich mehr um die Geste als um das Finanzielle. Natürlich bin ich auch in der Lage, mein Getränk oder Essen selbst zu zahlen und habe auch immer genügend Geld dabei, um das zu tun.
Ich selbst würde im Übrigen auch nur auf getrennte Rechnungen bestehen, wenn ich meinerseits kein Interesse an einem weiteren Kontakt habe.

Ich mag das Spiel zwischen den Geschlechtern, ich mag die Etikette und gute Manieren. Und ich finde es schade, dass gute Manieren von einigen tatsächlich als albern bezeichnet werden.

Ein Punkt, der in der anderen Diskussion nicht angesprochen wurde, ist das Bestellen für die Frau durch den Mann.
Dies wird häufiger kritisiert, da es die Frau als unselbständig und passiv markiert.
Vermutlich gibt es das auch nur noch selten, da die Männer heutzutage auch befürchten müssen, dass die Frau Ihnen ins Wort fällt und sie so vor der Bedienung blamiert.
Am einfachsten ist es allerdings, wenn der Mann zuvor fragt, ob sie beispielsweise mit seiner Weinauswahl einverstanden ist.
Es kam durchaus vor, dass ein Mann bei einem Date für mich mitbestellt hat. Und ich hingegen fände es tatsächlich als albern, wenn jeder ein Glas Wein selbst bestellt statt dass er einfach eine Flasche auswählt.

Da ich das Unterlassen jeglicher dieser Gesten tatsächlich als unhöflich empfinde, kam natürlich die Frage, welche Gesten denn die Frau für den Mann macht. Mir ist spontan nichts eingefallen, was von einer Frau erwartet wird und von einem Mann nicht. Aber ein anderer Kommentator hat dazu eine schöne Antwort verfasst:

"Die wichtigste (und eben sehr oft von Frauen ignoriert) Regel ist, dass Frau jede Geste des Mannes angemessen dankbar, ähnlich wie ein Geschenk, annehmen soll.
(...)
Ein Beispiel wäre es, wenn die Frau eine Geste des Mannes “Ums Auto herumgehen und der Frau die Tür aufhalten” so behandelt als wäre der Mann ihr Bediensteter und es wäre seine arbeitsvertragliche Pflicht es zu tun.

Fauxpas könnten sein, die Geste zu ignorieren (also frau steigt einfach ein), die Geste bewusst zu unterbrechen (also Frau sieht, dass der Mann zu ihr rüber geht um die Tür aufzumachen und steigt einfach vorher selber ein, macht die Tür zu und der Mann steht blamiert da)

Gipfel der Ignoranz wäre es, wenn frau den Mann für die Ausführung (z. B. um das Auto herumlaufen) auch noch offen kritisiert (“Geht das nicht ein bisschen schneller?”)"

Und in seinen Ausführungen gebe ich ihm Recht. Das Unterbrechen hatte ich ja bereits beim Beispiel des Bestellen erwähnt.

Ich finde es wirklich schade, dass gerade eine gewisse Etikette beim Kennenlernen keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Dass Frauen auf nettgemeinte Gesten beleidigend reagieren, da sie ja selbst in der Lage sind, die Tür zu öffnen. Sich verarscht oder bevormundet fühlen, wenn ein Mann ein Gentleman ist.
Ich hoffe, dass sich die Männer davon nicht entmutigen lassen und sich sich weiterhin wie Gentleman verhalten, eine Lady wird sicher dankbar sein!