Mittwoch, 24. Februar 2016

BeHindernisse

Auf Twitter schreiben seit einige Zeit Menschen unter diesem Hashtag zu ihren ganz persönlichen Behindernissen im Alltag.
Der Kern ist, dass diejenigen nicht behindert sind, sondern behindert werden. Wenn es im Restaurant zum Beispiel nur eine Toilette über Treppen zu erreichen gibt und kein Fahrstuhl dort ist, wie soll diese dann von einem Menschen mit Rollstuhl aufgesucht werden können?
Aber genau solche Punkte sind es, die den meisten Leuten einleuchten, wenn von Behinderung und Barrierefreiheit die Rede ist.


Viel schwieriger ist es aber oft bei "unsichtbaren" Behinderungen bzw. chronischen Krankheiten. Wenn man aufgrund von Depressionen sich tage- oder wochenlang nur Zuhause verkriecht, einfach nichts mehr hinbekommt und dann das Schreiben vom Studentenwerk einem noch den letzten Rest gibt, weil das Bafög wegen nicht Erreichen der vorgeschriebenen Punkte im Studium nicht mehr gezahlt wird. Eigentlich braucht man gerade in dieser Situation Hilfe und Unterstützung statt noch mehr Druck!
Andere Menschen im Umfeld, die unsichtbare Behinderungen nicht als solche erkennen und kommentieren mit "jeder ist mal schlecht drauf" oder "reiß dich mal zusammen" sind auch alles andere als hilfreich. Genau solche Verhaltensweisen führen schließlich dazu, dass Menschen mit psychischen Krankheiten sich nicht mehr trauen, diese zu benennen. Auf Twitter dazu:




All dies sind Behinderungen, die eigentlich nicht sein müssten.
Wir sollten viel mehr mit offenen Augen durch die Welt gehen und versuchen, dabei zu helfen, das so wenig Menschen wie möglich behindert werden.
Was mich richtig erstaunt hat, war folgendes:


Das darf doch in einem so fortschrittlich entwickelten Land wie Deutschland nicht sein!

Und vielleicht hast der Hashtag ein wenig geholfen, dass mehr Menschen ein weiteren Blick bekommen dafür, was für andere behindernd ist.

Samstag, 20. Februar 2016

Trinkgeld oder Tip

Für viele ist es selbstverständlich im Restaurant ein Trinkgeld zu geben. Ich selbst habe mich als ich damals in einer Bar angefangen habe zu arbeiten positiv gewundert, wie viel Trinkgeld die Menschen doch geben.
Jetzt bin ich bei Facebook auf dieses Bild gestoßen:

In den Kommentaren beschweren sich die vermeintlichen Mitarbeiter der Gastronomie über Gäste, die wenig oder kein Trinkgeld geben.
Dort sind Kommentare zu finden wir diese hier:



Ja, man sagt ein angemessenes Trinkgeld legt bei 5-10%. Aber dennoch gibt es keine Verpflichtung, ein Trinkgeld zu bezahlen. Und normalerweise soll das Trinkgeld doch eine Belohnung für guten Service sein und keine Selbstverständlichkeit, die gar indirekt eingefordert wird.
Man sollte immer bedenken, dass Trinkgeld nicht nur von der Art des Service, sondern auch von der finanziellen Situation des Gastes abhängig ist. Ein Gast, der vielleicht selbst wenig Geld hat, gibt zwar wenig Trinkgeld, aber für ihn bedeutet das eventuell schon einen kleinen Verzicht, ein ist zwei Euro zu geben.  Ich finde es einfach extrem unverschämt, wenn sich darüber dann auch noch im Internet ausgelassen wird. Solche Menschen sollten am besten gar kein Trinkgeld bekommen!
Ich selbst gebe übrigens weniger Trinkgeld seitdem ich in der Gastronomie gearbeitet habe. Ja, ich weiß, Trinkgeld ist wichtig und so...
Aber mittlerweile weiß ich einfach auch, was guter Service heißt. Guter Service bedeutet nicht, angebranntes Essen zu bekommen und auf eine Beschwerde hin gebeten zu werden, denn schwarzen Rand ja einfach abkratzen zu können!
Guter Service bedeutet nicht, zwanzig Minuten auf eine Servicekraft zu warten. Guter Service bedeutet nicht, eine halbe Stunde mit meinem leeren Glas allein gelassen zu werden! Guter Service bedeutete nicht auf die Frage nach einer Empfehlung zu hören, ich solle doch einfach mal in die Karte schauen! Guter Service bedeutet nicht, wenn die Servicekräfte lieber eine Zigarette rauchen statt sich um die Tische zu kümmern!
Und es gibt sicher noch viele weitere Punkte, die dazu führen, dass ich eben kein Trinkgeld gebe.
Wenn aber alles passt und die Servicekraft nett und freundlich war, bekommt sie auch ein Trinkgeld. Die Verkäuferin, dir mir netterweise die Kleider zeigt und mich berät aber ebenso. Warum sollte das auf die Gastronomie beschränkt bleiben?

Aber man sollte im Kopf behalten: das Trinkgeld ist immer ein Geschenk, dass man geben kann, wenn man zufrieden mit dem Service war. Der Gast ist nicht dafür verantwortlich, das Gehalt der Servicekraft zu bezahlen (allenfalls indirekt durch die normalen Preise), sondern der Arbeitgeber.
Wenn man sich als Servicekraft auf ein Gehalt von vier oder fünf Euro einläßt (wobei diese Zeiten in Deutschland Dank Mindestlohn vorbei sein sollten),  ist man auch sonst dafür verantwortlich damit auszukommen. Und daher sollten die Servicekräfte dankbar sein dafür, wenn sie vom Gast etwas geschenkt bekommen, statt sich auch noch über die geringe Menge aufzuregen!

Sonntag, 14. Februar 2016

Deutschland braucht mehr Feministen?

Auf Zeit Online habe ich vor ein paar Tagen einen Artikel mit genau dieser Überschrift gelesen, allerdings als Feststellung nicht als Frage. Eigentlich denkt man, sollte ich als Feministin ja froh sein, wenn  jetzt schon eine große Zeitschrift schreibt wie wichtig doch Feminismus ist.
Aber was ich dann lesen muss entspricht so gar nicht dem, was man gewünscht hätte!

Gleich in der Unterüberschrift heißt es schon:
"Besserer Sex, gerechtere Welt: Es lohnt sich, für Frauenrechte zu kämpfen. Sie wissen nicht, wie? Eine Anleitung von Männern für Männer"

Also richtet sich der Artikel an Männer und man möchte diese motivieren, dich für Frauenrechte einzusetzen. Aber dazu reicht es wohl nicht, dass es einfach fair ist, dass man natürlich auch möchte, dass es den Frauen, die Mann liebt gut geht.
Nein, um einen Mann vom Feminismus zu überzeugen braucht man wohl das Lockmittel "besserer Sex". Die Zeit setzt hier also auf eine altbekannte Strategie: Sex sells!

Dieses Argument wird im Text nochmal wiederholt und zusätzlich zum Sex wird dem Mann auch noch ein "höheres Selbstwertgefühl" versprochen.
Dies zeigt, dass der Autor nicht nur ein schlechtes Bild vom Feminismus (man braucht zusätzliche Belohnung, um sich dafür einsetzen),  sondern auch von den Männern (Männer können sich nur aus egoistischen Motiven für eine gute Sache einsetzen)  hat!
Wobei er dann doch noch etwas halbherzig versucht, den Feminismus selbst als lohnenswert darzustellen:
"Doch Männer sollten nicht nur Feministen sein, weil sie selbst Vorteile davon haben. Ein echter Feminist glaubt daran, dass Frauen und Männer gleich viel wert sind und gleich viel zu sagen haben. Er schätzt vollkommene Gleichberechtigung und möchte eine Gesellschaft, in der weder Männer noch Frauen ein Übergewicht an Einfluss, Macht oder Deutungshoheit genießen. Nicht aus eigenem Vorteil, sondern ganz einfach, weil es gerecht ist."

Hmm, warum ist es gerecht, wenn weder Männer noch Frauen ein Übergewicht an Einfluss oder Macht genießen?
Warum sollte das Geschlecht hier eine größere Rolle spielen als persönlicher Einsatz?
Vermutlich würden die meisten dem Satz intuitiv zustimmen, da zuvor von Gleichberechtigung, was tatsächlich ein gutes lohnenswertes Ziel ist, die Rede war.

Ich formuliere den Satz mal um und bin gespannt, wer dann noch zustimmt:

"Ein echter A glaubt daran, dass rothaarige und braunhaarige gleich viel wert sind und gleich viel zu sagen haben. Er schätzt vollkommene Gleichberechtigung und möchte eine Gesellschaft, in der weder rothaarige noch braunhaarige ein Übergewicht an Einfluss, Macht oder Deutungshoheit genießen. Nicht aus eigenem Vorteil, sondern ganz einfach, weil es gerecht ist."

Wenn man jetzt mal überlegt wie viele Menschen mit Einfluss rothaarig sind, muss doch jedem klar sein, dass rothaarige in unserer Gesellschaft stark diskriminiert werden... (Achtung, es könnte sich Ironie versteckt haben!)

Nun folgen fünf angeblich einfache Schritte wie jeder Mann leicht zum Feministen wird.

Als erstes sollte sich der zukünftige Feminist bei Bekannten und Freunden über Sexismus etc. informieren. Und natürlich online über Themen wie Gewalt gegen Frauen, Gender Gap usw.

Klingt erstmal nicht schlecht, wenn man sich ernsthaft informiert und über tatsächliche Gegebenheiten Bescheid weiß, ist man immer in einer besseren Situation als wenn man einfach irgendwelchen Erzählungen glaubt.

Punkt zwei ist eigentlich kein eigener Punkt, sondern hier wird nur erklärt, dass als Folge aus Punkt eins, einem jetzt viel mehr Sexismus auffällt. Und es fällt angeblich auf, dass Frauen häufig unterrepräsentiert sind. Frauen werden in Werbung und Medien zum Objekt gemacht. Hier werden  Tatsachen genannt ohne Begründung, warum das negativ ist oder wo die Wurzeln liegen, dass es in manchen Bereichen weniger Frauen gibt. Es gibt vom Autor die Feststellung das ist schlecht und wenn du ein guter Feminist sein willst, musst du das auch schlecht finden.
Ganz nach dem Motto: einfach glauben und bitte nicht selber denken!

Punkt drei richtet sich nun an das persönliche Verhalten des Lesers:

"Als Feminist behandeln Sie eine Ärztin, Kassiererin, Anwältin oder Polizistin genauso wie ihre männlichen Kollegen – mit Respekt."

Dies ist schon eine ziemlich widerliche männerfeindliche Unterstellung!  Hier wird suggeriert, dass ein Mann, der kein Feminist ist, keinen Respekt vor Frauen hat.

Und gleich folgen weitere dieser indirekten Unterstellungen:

"Gleichzeitig können Sie die Vorzüge der Gleichberechtigung erleben. Freuen Sie sich darüber, dass Sie bei der Arbeit und zu Hause auf Frauen als gleichwertige Gesprächspartnerinnen, Beraterinnen und Freundinnen treffen. Das erweitert Ihren Horizont und führt zu einer neuen Qualität in Beziehungen und Freundschaften."

Jemand, der nicht die Meinung des Artikels vertritt, nicht bereit ist sein Verhalten zu ändern, hat also nur Freundschaften und Beziehungen von geringer Qualität. Dies ist an Arroganz schon kaum mehr zu übertreffen!

Aber es geht noch schlimmer weiter beim nächsten Punkt liest man:

"Sexistische Kommentare und Übergriffe sind in Deutschland Alltag für Frauen. Als Feminist schreiten Sie ein, wenn Sie etwas mitbekommen: Fragen Sie die betroffene Frau, ob Sie Unterstützung möchte. Ob es sich um sexistische Kommentare unter Freunden handelt, ein Übergehen einer Frau bei anstehender Beförderung oder sexuelle Gewalt: Wegschauen ist für Sie nicht mehr drin."

Dies ist genau das Gegenteil von Feminismus.  Feminismus sollte Frauen stärken,  ihnen Kraft geben, selbstbewußt mit Hindernissen im Leben umzugehen.
Als Mann zu meinen, sich vor eine Frau stellen zu müssen zementiert eher traditionelle Rollen.  Wenn man nicht genau weiß, dass eine Frau Hilfe möchte, sollte man das bitte unterlassen!
Vielleicht findet sich du manche Frau einenvermeintlich sexistischen Witz manchmal ganz lustig und möchte nicht von einem Mann darüber belehrt werden, wie sie sich zu verhalten hat!

Punkt fünf gibt den Hinweis, dass jemand, der die ersten Punkte befolgt, sich jetzt "Feminist nennen darf". Hier entscheidet also der Autor, wer Feminist ist und wer nicht. Wer hat ihm denn die Kompetenz dafür erteilt?
Der Hinweis, sich in feministischen Organisationen ehrenamtlich zu engagieren ist allerdings ein, wenn auch sehr geringer, Lichtblick.

Insgesamt ein scheußlicher Artikel, der meiner Meinung nach für den Feminismus genau das Gegenteil erreicht als alles andere.
Männer- und Frauenfeindlich bis zum letzten. Frauen werden wieder mal als hilfsbedürftige Wesen, die alleine nicht klarkommen dargestellt.
Und Männer als Egoisten, die nichts als Sex im Kopf haben.

Traurig, dass so jemand eine so große Plattform geboten wird! Und um auf die Frage in der Überschrift zurückzubekommen: Solche Feministen wie den Autor dieses Artikels braucht Deutschland bestimmt nicht!

Dienstag, 9. Februar 2016

Carnival Venezia

Wir laufen durch die engen Gassen von Venedig. Mal mit vielen Menschen in belebten Einkaufsstraßen, mal fast allein auf unscheinbaren Wegen.
Und da sehe ich dieses kleine Geschäft mit dem vielen Masken in dem ein alter Mann am Tisch sitzt und gerade eine Maske bemalt. Nach genau sowas habe ich gesucht: Ich möchte eine original venezianische Maske dort erstehen, wo ich auch sehen kann wie sie hergestellt wird. Wir gehen also in das Geschäft und ich frage den Herrn, ob er die Masken komplett von Beginn an selbst macht.
Er zeigt mir verschiedene Formen, mit denen zunächst eine Grundform aus Pappmache erstellt wird. Anschließend werden diese Masken in verschiedenen Stilen bemalt.

Ich betrachte die Masken an der Wand und auf den Regalen: große, kleine manche wirken filigran verspielt, andere eher grob, manche schlicht, andere mit viel Federschmuck. Zwei Masken gefallen mir gut - so gut, dass ich mich fast nicht entscheiden kann. So gehe ich mit den beiden Masken zum Inhaber und frage ihn danach, welche er besser zu mir passend findet, dann fängt er an zu erzählen:

"Die Entscheidung kann dir keiner abnehmen. Du ganz allein musst deine Maske für dich finden. Du musst spüren, wenn du deine Maske gefunden hast.
Die Maske ist ein zweites Gesicht und die muss daher zu dir passen.
Wenn du dich beispielsweise auf die Empfehlung deines Freundes verlässt, verbindest du dir Maske immer mit ihm und wenn man sich dann trennt, kann man sich auch nicht mehr mit der Maske gut fühlen.

Kennt ihr eigentlich die Geschichte des Karnevals in Venedig? Früher als hier noch eine strenge Hierarchie und Trennung der Stände herrsche, hatten an Karneval die Menschen mit den Masken die Möglichkeit sich entgegen der herrschenden Hierarchie zu verhalten. Jeder konnte sein, wer er wollte. Eine Frau konnte als Mann an die Öffentlichkeit und die Armen hatten die Möglichkeit, den Adel zu verspotten ohne bestraft zu werden.
Es konnten wildeste Bälle bis hin zu Orgien gefeiert werden, ohne dass jemand an Ansehen verlor. Dem zu Karneval trug jeder seine Maske sein zweites Gesicht. "

Ich betrachtete mich mit den beiden Masken im Spiegel und kaufte schließlich die, mit der ich mich wohler fühlte.
Noch heute werden zur Karnevslszeit in Venedigs Palästen große Maskenbälle in traditionellen venezianischen Gewändern gefeiert. Dieses Jahr habe ich das leider nicht in meine zeitliche Planung bekommen, aber ich hoffe nächstes Jahr einen dieser prunkvollen Bälle zu besuchen.
Bis dahin versuche ich mir ein passendes venezianisches Ballkleid zu nähen. Hier noch ein paar Eindrücke vom diesjährigen Karneval: 





Donnerstag, 4. Februar 2016

Sexarbeit und Care

In einem Artikel auf beziehungsweise weiterdenken schreibt Antje Schrupp über "Care Arbeit" und insbesondere darüber, ob Sexarbeit auch darunter zu fassen ist.

In bestimmten Fällen ist es für die eindeutig ein Teil von Care, dann wenn es um Menschen geht, die nicht mehr selbst für Ihre sexuelle Befriedigung sorgen können:

Als Argument hierfür dient unter anderem, dass Pflegepersonal es teilweise mit übergriffigen Aufforderungen zu tun bekommt. Die zu pflegenden Personen möchten eben auch ihre sexuellen Bedürfnisse erfüllt bekommen.
Sie schreibt:

"Insofern ist der Einsatz von Sexualassistentinnen in solchen Situationen nicht nur sinnvoll, sondern tatsächlich auch „Care“."

Dann stört die sich aber daran, dass angeblich gerade die Sexarbeit oft mit dem männlichen Dominanzgebaren verknüpft ist.
Hierzu schreibt sie:

"Sex und Macht sind in unserer Kultur eng miteinander verwoben. Wenn Sexarbeit dabei hilft, männliches Dominanzgebaren aufrecht zu erhalten, dann handelt es sich dabei nicht Care, denn es beeinflusst die Geschlechterbeziehungen negativ."

Hierbei stellt sich für mich automatisch die Frage, woher diese zwingende Konsequenz der negativen Beeinflussung von Geschlechterbeziehungen kommt.
Selbst unter der Annahme, dass Männer bei einer Sexarbeiterin ihre Dominanz ausleben können, muss das nicht heißen, dass dies automatisch auf das allgemeine Verhältnis zwischen Mann und Frau übertragen wird.
Ein Mann, der weiß ja auch, dass er nicht einfach irgendwelche Frauen auf der Straße anfassen ist küssen darf, nur weil er das bei seiner Partnerin darf.
Ich halte Männer für so intelligent zwischen unterschiedlichen Personen und Situationen unterscheiden zu können.

Sehr gut finde ich allerdings, dass Antje in der Text ausdrücklich darauf hinweist, dass sie nicht der Meinung ist, dass Sexarbeit verboten werden sollte. Gerade das wird ja sehr gerne unterstellt, wenn jemand eures kritisiert. Dass derjenige, der Kritik übt, das Kritisierte am liebsten verbieten wollte.

Im letzten Teil hält sich Antje Schrupp leider am einem Satz einer Sexarbeiterin ziemlich lange auf und interpretiert meiner Meinung nach auch zu viel hinein:

"Vor allem ein Satz einer Sexarbeiterin bei dieser Diskussion blieb mir im Kopf hängen, die sagte: „Und dann mache ich es dem Mann eben schön.“ Dieser Satz enthält meiner Ansicht nach eine zentrale Logik der Geschlechterbeziehungen unserer Kultur: Frauen wird die Aufgabe zugewiesen, es „dem Mann schön zu machen“."

Jetzt denke ich mir aber, dass es doch eigentlich immer die Aufgabe bei der Care Arbeit ist, es dem anderen schön zu machen. Egal, ob es um Essen, um Pflege ist sonstiges geht, immer wird es D anderen schön gemacht. Nur eben nicht immer von einem Geschlecht zum anderen, sondern es verläuft unabhängig vom Geschlecht.
Mich würde in dem Zusammenhang auch tatsächlich mal interessieren, wie das tatsächliche Geschlechterverhältnis in der Sexarbeit ist. Die offensichtliche Sexarbeit geht meist von Frau für den Mann, aber es gibt auch haufenweise männliche Callboys und Escorts. Meine Erfahrung ist, dass Frauen nicht so offensichtlich Sex kaufen wie viele Männer, beispielsweise auf der Straße oder im Bordell.
Und ein weiterer Punkt ist, dass die meisten Frauen es weniger nötig haben für körperliche Zuneigung und Sex zu bezahlen, da sie es oft einfacher als Männer umsonst bekommen.
Aber ist es wirklich ein Zeichen von der Macht der Männer, wenn von Ihnen viele für etwas bezahlen, dass Frauen umsonst bekommen?

Antje hingegen vertritt die Meinung, Frauen haben nicht den Anspruch, dass es ihnen immer jemand schön macht. Sie sieht gar nicht, dass hier einfach nur eine geringere Notwendigkeit besteht zu bezahlen:

"Frauen haben aber nicht die Erwartung und den Anspruch, dass selbstverständlich immer jemand da zu sein hat, der „es ihnen schön macht“. Und aus diesem Grund kommen sie auch nicht auf die Idee, sich dieses „Schönmachen“ bei Bedarf mal eben einzukaufen. Oder anders gesagt: Ein Mann, der sich gegen Geld sexuell befriedigen lässt, hat nicht nur Sex gekauft, sondern im Rahmen der herrschenden symbolischen Ordnung auch seine Männlichkeit bestätigt. Eine Frau, die sich gegen Geld sexuell befriedigen lässt, setzt hingegen symbolisch ihre Weiblichkeit aufs Spiel."

Warum Frauen ihre Weiblichkeit aufs Spiel setzen, sollten Sie für Sex bezahlen, wird leider nicht weiter erklärt. Diese Schlussfolgerung ist für mich nicht nachvollziehbar.

Sie kommt aber zu folgendem Schluss im Bezug auf die Frage, ob es sich bei der Sexarbeit nun um Care handelt:

"Sexarbeit ist Care, insofern sie Bedürfnisse befriedigt, die mit Zuwendung, Entspannung, Aufmerksamkeit, sexueller Lust zu tun haben. Aber Sexarbeit ist nicht Care, insofern sie „Male Entitlement“ bedient, also die patriarchale Anspruchshaltung, versorgt zu werden nicht aufgrund der eigenen menschlichen Bedürftigkeit, sondern aufgrund der eigenen Männlichkeit."

Sie gibt selbst zu, dass das im konkreten Fall schwer zu trennen ist. Dem würde ich zustimmen.

Im nächsten Absatz nennt sie ein Beispiel, das zunächst als grenzwertig und schließlich doch als nicht Care qualifiziert wird. In dieser konkreten Punkt möchte ich allerdings widersprechen.
Zunächst das Beispiel und die Kritik von Antje:

"Grenzwertig wäre für mich der Fall eines Ehemanns, der sexuelle Wünsche hat, die seine Frau nicht bedienen möchte oder kann, ein Beispiel, das von Pro-Sexarbeits-Aktivistinnen häufig als positiver Nutzen dieser Arbeit angeführt wird. Doch in diesem Fall hat das Ausweichen auf eine bezahlte Sexarbeiterin (weil man sich das halt leisten kann), durchaus einen Beigeschmack von Male Entitlement. Der Wunsch, Sexualität exakt den eigenen Vorlieben entsprechend auszuleben, ist meiner Ansicht nach nicht dasselbe wie das Bedürfnis nach Sattessen, Ausschlafen, Kleidung, medizinischer Versorgung. Ebenso wie das Bedürfnis nach Mobilität nicht dasselbe ist wie der Wunsch, einen Porsche zu fahren."

Ich finde, dass Frau Schrupp hier zu wenig berücksichtigt, dass es nicht zwangsläufig um exakte Wünsche (wie nach einer bestimmten Stellung ist so)  gehen muss, sondern auch um grundlegende Sachen wie beispielsweise eine Neigung, die die eigene Frau nicht befriedigen kann.
Um beim Mobilitätsvergleich zu bleiben, so reicht ein Fahrad nun manchmal einfach nicht, um die nötige Mobilität zu haben.

Nun wird nochmal die Kurve zur generellen Care Arbeit gezogen. Arbeit die in erster Linie neu der Erfüllung von grundlegenden Bedürfnissen von Menschen - wie Essen, Sauberkeit, Gesundheit - hilft.
Ich finde es hier sehr gut, dass darauf hingewiesen wird, dass sich Herrschaftsverhältnisse auch in anderen solchen Beziehungen zeigen können, beispielsweise in der Bewirtung von Gästen.

"Sondern wichtig wäre, dass wir unsere Aufmerksamkeit für diese Grenze schärfen, bei der Care Gefahr läuft, gerade nicht das gute Leben aller zu befördern, sondern Dominanz und Herrschaftsverhältnisse zu stabilisieren. Das heißt, ich plädiere dafür, den Maßstab, den wir aus der kritischen Beschäftigung mit Sexarbeit gewinnen können, auch auf andere Bereiche von Care anzuwenden."

Natürlich ist es immernoch fraglich, wo tatsächlich in jeder Tätigkeit konkret die Grenze gezogen wird.

Insgesamt finde ich die Überlegungen und Denkansätze von Antje durchaus interessant.